Digitales Wohlbefinden


Vision

Der positive Beitrag der Digitalisierung zum persönlichen Wohlbefinden (“Digital Wellbeing”) und der individuellen Entwicklung von Menschen wird zum essentiellen Maßstab bei der Bewertung des Erfolgs der digitalen Transformation.

Beschreibung

Digital Wellbeing befasst sich mit allen proaktiven Maßnahmen des unternehmerischen digitalen Handelns, inklusive bewusster Selbstverpflichtung, die das Wohlbefinden und die positive individuelle Entwicklung der Mitarbeitende, Partner/innen und Zulieferer/innen sowie Kunden/innen in den Mittelpunkt stellen. (Digital Health ist nicht Teil dieser Betrachtung. Digital Health bezeichnet den Einsatz von “Medizin- und Gesundheitstechnologien, um die Effizienz der Gesundheitsversorgung zu verbessern und Arzneimittel individueller und wirkungsvoller einsetzen zu können”. vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Digital_Health, zuletzt aufgerufen am 21.6.2021, 17:41 Uhr)

Stakeholder

Die wichtigsten Stakeholder für Digital Wellbeing sind:

  • die Mitarbeitende des Unternehmens
  • die Partner/innen & Zulieferer/innen (um zu gewährleisten, dass dieses Thema auch in der Lieferkette präsent ist)
  • die Kunden

Anmerkung 1: Aufgrund der großen Reichweite des Themas müssen alle Abteilungen und Funktionen, die in direktem Kontakt mit den ersten zwei genannten Gruppen stehen, in einen Querschnittsprozess mit einbezogen werden. Also z.B. :

  • Führungskräfte
  • HR und Personalentwicklung
  • Unternehmenskommunikation
  • Betriebsrat
  • Betriebliches Gesundheitswesen, Arbeitsschutz und Arbeitssicherheit

Auch im Hinblick auf Kunden müssen weitere Abteilungen einbezogen werden, z.B. :

  • Produktentwicklung
  • Marketing
  • Vertrieb
  • Business Development

Kriterien & Guidelines

Evaluierung der Wirkung von neuen Technologie und datengetriebenen Anwendungen auf Mitarbeitende, Partner/innen & Zulieferer/innen sowie Kunden/innen. Es muss evaluiert werden, wie sich sowohl genutzte Technologie und Neuanschaffungen als auch das Nichtvorhandensein von digitalen Anwendungen und datengetriebenen Produkten sich auf das Wohlbefinden von Mitarbeitenden und Kunden/innen auswirkt. Gemessen werden kann dies z.B. für die Mitarbeitende durch automatisierte oder individuelle Befragungen, die die Zufriedenheit mit dem digitalen Arbeitsplatz messen. Einige neue Technologien, wie z.B. Microsoft Viva, liefern zudem automatisierte Auswertungen des Nutzerverhaltens der Mitarbeitende, die wertvolle Hinweise auf deren “Wellbeing” liefern können. Sie werten z.B. die “störungsfreie” Zeit aus, die Mitarbeitende jeden Tag zur Verfügung haben und geben Führungskräfte bei Bedarf Hinweise für eine entsprechende Verhaltensänderungen. (Anmerkung: Datenschutzfragen rund um diese Auswertungen sind allerdings noch nicht endgültig geklärt.) ​

Praxisbeispiele

Eine Vielzahl von praktischen Maßnahmen zur Implementierung von Digital Wellbeing ist denkbar. Hier einige Beispiele als Anregung:

  • Durchführung von regelmäßigen umfassenden Mitarbeitende- und Partnerbefragungen, um aktuelles Digitales Wohlbefinden zu messen und Herausforderungen zu identifizieren
  • Durchführung von regelmäßigen individuellen Feedback-Gesprächen mit besonders betroffenen Mitarbeitenden (z.B. im Home-Office oder in bildschirmintensiven Berufen)​
  • Einführung eines “Rechtes auf Nichterreichbarkeit”, z.B. durch automatische Löschung aller E-Mails während der Urlaubszeit oder nach Ende der Arbeitszeit (inklusive Hinweis für den Sender)
  • Gesundheits- und Wellness-Beratung am Arbeitsplatz
  • Angebot von ergonomischen Arbeitsplätzen wie höhenverstellbare Tische über die gesetzlichen Anforderungen hinaus
  • Angebot von verschiedenen Arbeitsumgebungen je nach Arbeitssituation (z.B. Rückzugsorte für Service-Mitarbeitende bei Projektgeschäft)
  • Für Kunden/innen bietet sich eine Integration diverser Prinzipien in die Entwicklung digitaler Produkte an, z.B. durch die bewusste Ermöglichung der Nicht-Nutzung des Produktes (“mindful disconnection”) oder die Redaktion von störenden Werbeeinblendungen durch den Einsatz sehr spitzer Zielgruppendefinitionen und von sogenannter “quiet times”.

Drei praktische Beispiele können hier erwähnt werden:

  • Das Recht auf Nichterreichbarkeit wurde bisher u.a. in den folgenden europäischen Unternehmen umgesetzt (wenn auch mit teilweise sehr unterschiedlichen Ansätzen und Regelungen): Orange (FR). Natixis (FR), Société Générale (FR), Volkswagen (DE), Daimler (FR), AXA (ES), Telekom (DE), Evonik (DE). Puma C11 (DE), E.ON (DE). (Eine genauere Dokumentation der Cases folgt.)
  • Das Unternehmen Adobe verfolgt einen sehr umfassenden Digital Wellbeing- Ansatz für Mitarbeitende mit einer Vielzahl unterschiedlicher praktischer Maßnahmen, die einen besonderen Fokus auf die Herstellung der Work-Life Balance legen. So existiert z.B. ein umfangreiches “Employee Assistance Program”, in dessen Rahmen den Mitarbeitenden umfangreiche Schulungsressourcen sowie vertrauliche individuelle Beratung zu Themen der Work-Life-Balance angeboten werden. Außerdem steht jährlich ein individuelles Budget zur Verfügung, das für persönliche Wellness-Maßnahmen (z.B. Sportausstattung, Kurse, Mitgliedsbeiträge in Fitness-Studio etc.) eingesetzt werden kann. Das kostenlose Angebot von Fokus- und Habit-Building Apps (z.B. Headspace oder Life Dojo) unterstützt die Mitarbeitende darüber hinaus bei der Entwicklung von Gewohnheiten, die den negativen Auswirkungen digitaler Technologien entgegenwirken.
  • Google bietet seinen Kunden unter der Domain https://wellbeing.google/ einen umfangreichen Katalog von Ressourcen und Tools zum bewussten Umgang mit Technologie. Während der Covid-19 Pandemie wurde ein spezieller Guide mit Digital Wellbeing-Tipps zur Verfügung gestellt (mehr unter diesem Link).

Handlungsempfehlungen

Für einen guten Start in dieses Thema empfehlen wir das folgende, auf die Herstellung von “Quick-Wins” fokussierte Vorgehen:

  • Schritt 1: Verantwortlichen für das Thema Wellbeing identifizieren​ / benennen
  • Schritt 2: Identifizieren von bestehenden Wellbeing-Aktivitäten​ (die nicht so bezeichnet sein müssen)
  • Schritt 3: Überprüfung der bisherigen Arbeits- und Gesundheitsschutzregelungen im Hinblick auf Lücken und Potenziale
  • Schritt 4: Erarbeitung / Dokumentation der vorhandenen / nötigen Tools und Ressourcen
  • Schritt 5: Veröffentlichung der vorhandenen Tools und Ressourcen
  • Schritt 6: Awareness Kommunikation zu den Tools und Ressourcen als wichtiges Instrument für Akzeptanz, Change und Agenda Setting
  • Schritt 7: Eintreten in einen aktiven Dialog mit allen Stakeholdern (z.B. durch eine offene Befragung), um Optimierungs- und Weiterentwicklungsmöglichkeiten zu identifizieren
  • Schritt 8: Integration des Wellbeing-Themas in vorhandene Regelprozesse

Prozesse & Standards

Prozesse und Standards sind noch als singuläre Initiativen nicht weit gesät, allerdings zeichnet sich am Markt eine umfassendere Sensibilisierung für das Thema durch den Gesetzgeber ab. Zwei Beispiele seien hier genannt:

  • IEEE Employee Wellbeing in the Digital Age (mehr dazu unter diesem Link)
  • Gesetzgebungsinitiative des EU Parlaments zum “Recht auf Nichterreichbarkeit” (mehr dazu unter diesem Link)

Ressourcen & Tools

  • Sehr gute Informationen zu diesem Thema bietet Google auf seiner speziellen Digital Wellbeing-Seite (mehr Informationen unter diesem Link)
  • Spezielle Ressourcen für Mitarbeiter bietet das Unternehmen Microsoft im Rahmen seines neuen Produktes “Viva” (mehr Informationen unter diesem Link sowie diesem Link)
  • Ein sehr kritische Auseinandersetzung mit der Wirkung digitaler Technologien insbesondere im Umgang mit Kindern bietet die Organisation “Humane Tech” (mehr Informationen unter diesem Link)
  • Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin bietet sehr umfangreiche Ressourcen zu den Auswirkungen digitaler Arbeit (mehr Informationen unter diesem Link, diesem Link sowie diesem Link).